Hoppe, Stephan: Die ursprüngliche Raumorganisation des Güstrower Schlosses und ihr Verhältnis zum mitteldeutschen Schloßbau. Zugleich Beobachtungen zum "Historismus" und zur "Erinnerungskultur" im 16. Jahrhundert. In: Forschungen zu Burgen und Schlössern Bd. 5. Burgen und frühe Schlösser in Thüringen und seinen Nachbarländern. München, Berlin 2000, S. 129 - 148.
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Nachdem 1557, kurz nach dem Regierungsantritt Herzog Ulrichs von Mecklenburg (reg. 1552/55 - 1603) Teile seiner Residenz in Güstrow abgebrannt waren, begann der Herzog bereits im folgenden Jahr (1558) mit dem Neubau zweier Renaissanceflügel auf der alten Burgstelle. Ulrich schloß sich damit gleichzeitig den Bauunternehmungen seines Bruders, Herzog Johann Albrechts I. von Mecklenburg, an, der bereits seit 1553 aufwendige Renaissancebauten in Wismar und Schwerin initiiert hatte.
Als Baumeister
konnte Herzog Ulrich Franz Parr, einen bisher in Schlesien tätigen Angehörigen
einer wahrscheinlich italienischstämmigen Baumeisterfamilie gewinnen,
unter dessen Leitung der Güstrower Neubau bis 1565 mit Ausnahme der nie ausgeführten
Osthälfte des Südflügels äußerlich weitgehend abgeschlossen wurde. Die Arbeiten
an der Innenausstattung zogen sich allerdings noch bis Anfang der 80er Jahre
hin.
Auf den beiden übrigen Seiten des Schloßhofes wurde die parrsche Neuanlage zunächst
durch stehengebliebene Bauteile der alten Burg ergänzt, die nach einem weiteren
Brand 1586, diesmal im Nordflügel, in zwei Baukampagnen 1587/88 im Norden und
1594 im Osten durch Neubauten des aus den Niederlanden stammenden Baumeisters
Philipp Brandin ersetzt wurden. Da die Flügel dieser zweiten Bauphase 1795 zu
großen Teilen abgetragen worden sind und nur unzureichende Pläne ihres
inneren Aufbaus überliefert sind, beschränkt sich die vorliegende Rekonstruktion
der ursprünglichen Raumorganisation auf die von Parr errichteten Schloßteile.
Spätere Umnutzungen haben im Laufe der Jahrhunderte besonders in den Obergeschossen
zu einer schrittweisen Entkernung des Güstrower Schlosses geführt, die erst
durch die jüngsten Restaurierungen der 1960er und 1970er Jahre teilweise wieder
rückgängig gemacht worden ist, wobei im Detail aber auch Neuschöpfungen entstanden
sind. Die heutige Raumabfolge gibt also nur bedingt die ursprüngliche wieder
und läßt in der Regel nicht mehr unmittelbar auf die intendierte Erstnutzung
schließen. Auf die alte Raumorganisation der parrschen Bauteile wurde bis jetzt
nur von Gerd Baier am Rande einer andersartigen Themenstellung eingegangen;
dies allerdings nur punktuell unter Hinzuziehung vereinzelter Hinweise in den
zeitgenössischen Baurechnungen, nicht aber als Rekonstruktion einer zusammenhängenden
Gesamtstruktur. Als Quellen zur ehemaligen Raumorganisation werden im folgenden
zusätzlich zu den bereits in der Forschungsliteratur beachteten, in der Regel
isolierten Raumnennungen in den zeitgenössischen Bauakten verschiedene jüngere
Inventarverzeichnisse des 17. und 18. Jahrhunderts herangezogen, von denen besonders
ein im Jahre 1628 entstandenes in weiten Teilen noch die Raumorganisation der
Erbauungszeit widerspiegelt. Hinzu kommen einige, etwas schematische
Pläne des 18. Jahrhunderts. Da die bei den jüngsten Restaurierungen gewonnenen
Erkenntnisse erst partiell publiziert worden sind und eine umfassende
Bauaufnahme und -forschung noch aussteht, können die folgenden Ausführungen
im Detail zwar nur vorläufigen Charakter haben, sie erlauben aber nicht nur,
das ehemalige Raumprogramm der ersten Bauphase schon jetzt im Gesamtzusammenhang
zu beurteilen, sondern lassen auch das von Franz Parr zugrundegelegte Verhältnis
von Architektur und funktion Kontext in einem neuen Licht erscheinen.

[...]
Die Rekonstruktion der ausgeführten Raumorganisation des Güstrower Residenzschlosses läßt ein bis ins Detail schlüssiges und in sich homogenes funktionales wie architektonisches Konzept erkennen. Damit ist die These von Gernentz, daß der Güstrower Ostflügel in seiner heutigen Gestalt nur das entstellend vollendete Fragment einer ursprünglich achsensymmetrischen Planung sei, endgültig widerlegt. Die beiden von Franz Parr errichteten Schloßflügel sind offensichtlich von Anfang an in ihrem feldseitigen wie auch hofseitigen Erscheinungsbild unregelmäßig konzipiert worden. Während das Raumprogramm in seiner Gesamtheit weitgehend den aktuellen Gepflogenheiten größerer Residenzschlösser in Mitteldeutschland wie dem Torgauer und besonders dem Dresdener Schloß folgte, wirft allerdings seine konkrete Realisation einige Fragen auf. Wie aus dem Vergleich mit dem von Jakob Parr maßgeblich gestalteten, etwas älteren Brieger Residenzschloß hervorgeht, das dessen Sohn Franz Parr mit Sicherheit gut gekannt hat, muß die Familie Parr gut mit den neueren italienischen Baugewohnheiten vertraut gewesen sein. Das Brieger Schloß besaß nicht nur einen dem Rechteck angenäherten, blockartigen Grundriß, sondern vor drei Hoffassaden lief eine durchgehende, dreigeschossige Loggia um, die über geradläufige Treppen nach italienischem Vorbild erschlossen wurden (Abb. 11). Die turmartige, mehrachsige Erschließung des Güstrower Schlosses und die isolierte Plazierung der dortigen Loggia müssen also auf die bewußte Beachtung regionaler Gestaltungstraditionen zurückgehen.
Daß der
unregelmäßige Außenbau des Güstrower Schloß
aber nicht unreflektiertes Produkt dieser lokalen Bautraditionen war, sondern
von Franz Parr bewußt als Gestaltungsmittel, letztendlich aber wohl als Bedeutungsträger angestrebt worden ist,
belegt die Analyse des Verhältnisses von innerer Raumstruktur und Außenbau.
In Mitteldeutschland hatte sich seit dem Bau der kursächsischen Albrechtsburg
über Meißen ab 1471 eine hochkomplexe Schloßbaukunst herausgebildet, in der,
aufbauend auf den Prinzipien der spätgotischen Architektur, die unregelmäßige
äußere Gestalt von Baukörpern bewußt dazu genutzt wurde, um den herrschaftlichen
Räumen mehrseitige Belichtung und vielfältige Ausblicke zu ermöglichen.
Auch die Bauten der 1530er und 1540er Jahre in Torgau, die in der Regel zu den
Inkunabeln des deutschen Renaissanceschloßbaus gezählt werden, stehen noch in
dieser Tradition facettierten Bauens (vgl. Abb. 10). Erst mit der zunehmenden
Rezeption der italienischen Renaissance wurde der Wunsch nach regelmäßigeren,
geschlosseneren Außenbaukörpern stärker und verdrängte zunehmend die alte Bauweise.
Die kursächsischen Schlösser in Dresden (ab 1548) und die Augustusburg (ab 1568)
sind dafür instruktive Beispiele; andernorts wurde aber auch noch länger an
der älteren Tradition festgehalten, wie z. B. die Annaburg oder das Schloß in
Freiberg zeigen.
Vor diesem Hintergrund ist es von grundlegender Bedeutung, daß das Güstrower
Schloß in seiner konkreten Realisation - anders als im funktionalen Raumprogramm
- in Wirklichkeit keiner dieser beiden Traditionen folgt. Zwar könnte man auf
den ersten Blick meinen, daß hier die ältere, spätgotische Auffassung vom engen
Zusammenhang von innerer Raumstruktur und äußerer Erscheinung bzw. des Entwerfens
„von innen nach außen“ weitergeführt worden sei. Dies ist jedoch
nicht der Fall. Wie bereits oben beschrieben, hat Parr die Facettierung der
Außenfassade an keiner Stelle dazu genutzt, hochrangigen Räumen eine zusätzliche
Fensterfront zu geben. Während dies sich im Sinne der älteren Tradition bei
den Tafelstuben in Südflügel angeboten hätte und trotzdem darauf verzichtet
wurde, hat er im Torrisalit sogar scheinbar ungeschickt lediglich eine funktional
untergeordnete Kammer plaziert. Die beiden Westrisalite stellen somit reine
fassadengliedernde Formen dar, wie sie in dieser Konsequenz im Kontext der älteren
mitteldeutschen Schloßarchitektur nicht üblich waren. Auch an der Giebelseite
des Südflügels, wo nicht nur die Kopfwand sondern auch der kleine Achteckturm
die Möglichkeit zu mehrseitiger Belichtung gegeben hätten, hat Parr lediglich
eine nachgeordnete Schlafkammer plaziert. Der Eckturm erscheint somit ebenfalls
funktionslos im Sinne einer reinen Architekturform oder einer bildhaften Formel.
Zu allem Überfluß sind die beiden Ecktürme der Westfront in ihren Grundrißmaßen
deutlich verschieden, ohne daß sich dafür eine konstruktive oder funktionale
Begründung angeben ließe. Ihre Gestaltung verweigert offensichtlich bewußt eine
symmetrische Figuration.
Das Thema der vorliegenden Ausführungen ist die ursprüngliche Raumorganisation
des Güstrower Schlosses und das Verhältnis von Funktion und formaler Grundrißgestaltung,
also lediglich ein Einzelaspekt der Architektur Franz Parrs. Leider können in
diesem knappen Rahmen die angedeuteten Interpretationen nicht vollständig weiter
verfolgt werden. Es wird jedoch schon jetzt deutlich, daß Franz Parr beim Entwurf
des Güstrower „Renaissanceschlosses“ in weiten Bereichen das für
ihn unregelmäßige und vermeintlich willkürliche Äußere älterer, d. h. spätgotischer
Schloßbauten der Jahre zwischen 1470 und 1540 zitiert hat, ohne aber deren eigentliche
Essenz, die ausgeklügelte wechselseitige Bedingtheit von funktionaler Struktur
und Baukörpergestalt, zu übernehmen. Das Güstrower
Schloß ist auf diese Weise ein abstrahiertes Abbild eines älteren Schloßtyps
geworden, dessen Bildhaftigkeit gerade in dem Verzicht auf die ehemals
damit verbundene funktionale Komponente um so deutlicher wird. Damit liegt hier
der in diesem Zusammenhang bisher kaum analysierte Fall vor, daß die Anwendung
älterer Stiltendenzen nicht - im Sinne echten Nachlebens - auf die nur zögerliche
Übernahme der Stilprinzipien der italienischen Renaissance bzw. deren ungenügende
Kenntnis zurückzuführen ist, sondern als bewußt retrospektiver Aneignungsprozeß
älterer Architektursprache durch einen bereits dem ungebrochenen Traditionszusammenhang
entwachsenen Architekten.
Ein bei allen Besonderheiten doch frappierend ähnliches Phänomen hat kürzlich
Anne-Marie Sankovitch anhand einiger französischer Renaissancekirchen des zweiten
Drittel des 16. Jahrhunderts beschrieben. Beim Entwurf der Pariser Kirche
Saint-Eustache (1532 ff.) und anderer Bauten haben die Baumeister zur Implemation
der neuen italienischen Einzelformen unter Umgehung der noch lebendigen Tradition
der Flamboyantgotik bewußt auf Modelle der Romanik und französischen Hochgotik
zurückgegriffen. Stand dort allerdings nach Sankovitch die Aneignung einer gewissen
Klassizität auf dem Umweg regionaler Retrospektion im Vordergrund, so handelt
es sich in Güstrow um eine andere Art von Vergangenheitsaneignung, da hier eine
unklassische Stilstufe bewußt als Alternative zu klassischen - und damit nach
unserer geläufigen Vorstellung nicht nur moderneren sondern auch „würdigeren“
- Lösungen wie dem Dresdener oder auch dem Brieger Schloß formuliert wird. Franz
Parr hat, ohne auch nur eine einzige Detailform aus der Gotik zu übernehmen,
in Güstrow im Prinzip und wohl auch in den Augen der Zeitgenossen ein - als
Stilphänomen verstandenes - altdeutsches Schloß gebaut.
Angesichts der Exponiertheit des Ergebnisses ist kaum davon auszugehen, daß
es sich hier um eine solitäre und persönliche Entscheidung von Franz Parr gehandelt
hat; der Anstoß dürfte vielmehr auf der Auftraggeberseite zu suchen sein. Leider
ist aber die Kunsttätigkeit Herzog Ulrichs bis jetzt so wenig untersucht, als
daß sich der Schloßbau überzeugend in eine Leitidee einordnen ließe. In
einem programmatischen Aufsatz hat jedoch 1996 Klaus Graf (Homepage) von historischer
Seite aus auf eine Vielzahl von Beispielen eines „Historismus“ der
Zeit des endenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit in Mitteleuropa
hingewiesen und eine systematische Erforschung dieser „Erinnerungskultur“
angemahnt. Der von ihm vorgeschlagene Begriff der „Erinnerungskultur“
hat den Vorteil, daß er ein weites Spektrum von Phänomenen vereinen kann, ohne
aber bereits deren Zielsetzung a priori zu definieren. Leider ist unser Bild
von der Kunstentwicklung der Frühen Neuzeit immer noch viel zu stark von dem
Fortschrittsmodell der Moderne geprägt, als daß entsprechende Phänomene bis
jetzt auch nur systematisch identifiziert und gesammelt worden wären. Die auf
der Rekonstruktion des bisher wenig beachteten funktionalen Kontextes und auf
dem Zufall des biographischen Hintergrundes des Architekten aufbauende Analyse
des Parr´schen Schloßbaus in Güstrow zeigt außerdem, wie komplex die Voraussetzungen
für den Nachweis einer echten historistischen Haltung sind. Die lange vernachlässigte
Erforschung der mitteleuropäischen Architektur des 15. und 16. Jahrhunderts
erlaubt derzeit noch kaum eine systematische Analyse, da das Werk der Baumeister
und die Geisteswelt der Auftraggeber allenfalls schlaglichtartig auf neustem
wissenschaftlichen Stand bearbeitet sind.